| | zurück zur Teil 1 Welche „Verrücktheiten“ haben Sie zuletzt gemacht? PK: Wie schon erwähnt, ist unser neues Buch Mitte März erschienen. Die Frage, die wir uns gestellt haben: Was würden Madonna oder Lenny Kravitz machen, wenn von sie ein neues Album auf den Markt bringen? Na klar, es werden zunächst ein paar Singles ausgekoppelt und dazu ein cooles Musikvideo gedreht. Und genau diesen Gedanken haben wir auf unser Buch übertragen und dazu ein Buchvideo mit einem jungen und sehr kreativen Filmemacher aus Wien gedreht. Das Ergebnis können Sie auf unserer Website sehen. Eine andere Idee abseits der Norm war unsere Idee für eine Buchtournee unter dem Motto „40 Gigs in 40 Tagen“. Wir haben dazu unser branchenübliches Preismodell auf den Kopf gestellt, das üblicher Weise nach dem Motto funktioniert: Vortrag gegen Honorar. Genau diese Regel haben wir auf den Kopf gestellt, indem wir für die „40 Gigs in 40 Tagen“- Buchtournee auf unser Honorar verzichten. Einzige Voraussetzung für den Veranstalter: er kauft 200 Bücher. Das war ein sehr interessantes Experiment, weil dadurch Leute auf uns aufmerksam geworden sind, die zuvor aufgrund limitierter Budgets nicht unbedingt daran gedacht hätten, uns für einen Vortrag zu engagieren. Wie kann man zwischen konstruktiven Querköpfen, die wirklich etwas bewegen, und bloßen Querulanten unterscheiden? AF: Ein Querulant ist oftmals auch ein Anarchist, dem es nicht um ein gemeinsames Ziel geht, sondern vor allem darum geht, sich quer zu stellen. Ein konstruktiver Querkopf dagegen ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für ein legitimes Ziel. Wenn Sie so wollen, ist er Egoist und Altruist in einem. Konstruktive Querköpfe kämpfen gleichzeitig für sich selbst und für ihr Unternehmen. Sie bewahren es davor, im Mittelmaß zu versinken und sind so etwas wie die loyale Opposition im Unternehmen. Diese Loyalität gilt erst in zweiter Linie einem bestimmten Chef. In erster Linie gilt sie dem Erfolg des Unternehmens. So wie auch der mündige Bürger nicht einem bestimmten Politiker Treue schwört, sondern nur gegenüber dem demokratischen Rechtsstaat und seiner Verfassung loyal ist. Und so wie der mündige Bürger in der Lage ist, sich selbst mit Informationen zu versorgen und sich ein politisches Urteil unabhängig von der Rhetorik der Parteien zu bilden, so hat auch der konstruktive Querdenker seine eigenen Ansichten. Er holt selbstständig Informationen ein, statt nur die Aufträge seines Chefs buchstabengetreu umzusetzen. Er argumentiert auf Augenhöhe, statt das aufgeblasene Ego des Vorgesetzten zu hätscheln. Er denkt selber, anstatt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Chef hören will. Aber das ist verdammt anstrengend. Und deshalb fragt sich so mancher, warum er sich das überhaupt antun soll. Warum kämpfen, wenn man auch mitschwimmen kann? Darauf gibt es nur eine Antwort: Für den Fall, dass nur Mitschwimmen und reines Funktionieren gefragt ist, stehen Millionen Chinesen bereit, die gerne jede Schraube nach rechts drehen, wenn man ihnen sagt, dass sie die Schraube nach rechts drehen sollen. Und zwar für 50 Cent die Stunde. Die einzige Chance, die jeder von uns in diesem Wettbewerb hat, besteht darin, mit klugen und neuen Ideen auf uns aufmerksam zu machen – eben ein konstruktiver Querkopf zu sein. Welches ist die äußergewöhnlichste Querdenker-Idee, die Sie bei Ihrer Forschung am meisten beeindruckt haben? PK: Mich hat Mohammed Yunus nachhaltig beeindruckt. Stellen Sie sich vor: Dieser Mann ist ein Professor der sich entschloss hat, Kredite an mittellose Frauen, also die Ärmsten der Armen, zu vergeben. Rückzahlung ungewiss. Welch ein verwegenes Projekt. Und diesen Plan startete er in Bangladesch – in einer muslimischen Gesellschaft! Er vergab Geld an Frauen, die keinerlei Sicherheiten bieten konnten außer dem Versprechen, nach dem erfolgreichen Aufbau einer bescheidenen Existenz alles zurückzuzahlen. Heute hat Yunus für die Idee, die seine Grameen-Bank in die Tat umsetzt, den Friedensnobelpreis bekommen! Wenn jemand den Titel Querdenker verdient hat, dann er. Noch so ein Exemplar aus der Schule der Querdenker ist Glenn Lowry, Chef des Museum of Moden Art in New York. Als wir im Sommer 2005 in Berlin waren, stand eine Riesenschlange vor der MoMA-Ausstellung. Das Mega-Kulturevent war Teil einer genialen Strategie von Lowry, der gerade dabei war, das Kunstmuseum neu zu erfinden. Die spektakuläre Schau in Berlin sorgte damals schon für ordentliche Publicity und machte das MoMA auch in Europa zur weltweit ersten Adresse für moderne Kunst. Wir staunten nicht schlecht, als wir dann vor einigen Wochen in New York waren und sahen, wie sich das inzwischen fertig gestellte neue MoMA in Manhattan präsentiert. Für fast 500 Millionen Dollar baute der international bisher kaum bekannte japanische Architekt Yoshio Taniguchi das MoMa zu einem Museum um, das Kunst zu einem ganz neuen Erlebnis inszeniert. Lowry hatte sich in den Kopf gesetzt, Leute für Kunst zu begeistern, die noch nie im Leben in einem Museum waren. Der eigentliche Witz dieser Geschichte: Nach altbackener Unternehmerdenke hätte er überhaupt keinen Grund gehabt, sich in ein solches Abenteuer zu stürzen. Als er 1995 auf den Chefsessel kam, war das MoMA das erfolgreichste Museum der Welt. Was trieb ihn zu dem fast eine Milliarde Dollar teuren Umbau? „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Institution großartig bleibt“, sagte Lowry Mitte der Neunziger. „Wir brauchen eine Vision.“ Die Aufsichtsräte bewilligten daraufhin 860 Millionen Dollar, die man gar nicht hatte. Noch nicht. Aber es wäre riskanter gewesen, nichts zu tun. Weiter zur Teil 3 |