Vier regional geprägte Modelle
Die Autoren identifizieren vier unterschiedliche regional geprägte Modelle zu
Entwicklung und Kostensenkung:
1. Europa und die USA oder das "traditionelle Hersteller-Modell": Dieses Modell
vertreten etwa Renault mit Dacia und General Motors mit Daewoo. Sie reduzieren
Kosten mit traditionellen Kostensenkungsprozessen wie Mengeneffekten und
strikten design-to-cost Methoden.
2. Das japanische und koreanische Modell: Dieses Modell vertreten Firmen wie
Toyota und Hyundai. Kostensenkungen resultieren hauptsächlich aus
Prozessinnovationen im globalen Netzwerk.
3. Das chinesische Modell: Für dieses Modell stehen Firmen wie Chery und
Geely. Sie reduzieren ihre Kosten mithilfe nachgebauter Lösungen, kombiniert mit
dem allgemein niedrigeren chinesischen Kostenniveau. Dieses Modell wird
gelegentlich auch als "clone, plug and play" bezeichnet.
4. Das indische Modell: Dieses Modell vertreten zu unterschiedlichen Anteilen
Tata Motors, Maruti sowie Mahindra & Mahindra. Die Firmen senken Kosten durch "cooperative
competition", ähnlich dem open source model in der IT-Branche. Die Unternehmen
verteilen Expertise und Investitionen auf eine breite Basis von Zulieferern und
Partnern, auch Investitionsrisiken werden aufgeteilt.
Drei Haupt-Unterschiede in den Geschäftsmodellen
"Die Geschäftsmodelle unterscheiden sich vor allem in drei Punkten", erläutert
Roland Berger Partner Bernhart. "Erstens in Produktarchitektur und Design,
zweitens in punkto Ausmaß und Zeitpunkt, zu dem die Hersteller die Fahrzeuge
selbst produzieren beziehungsweise bei der Entwicklung mit externen Partnern
zusammenarbeiten, und drittens bei ihren Strategien, Risiken zu vermeiden und zu
minimieren."
Traditionelle Hersteller können beim Design auf ihre bereits bestehende
Modellpalette zurückgreifen. Der Dacia Logan entstand etwa auf der Plattform
eines modernisierten Renault X90. "Im Vergleich zu einer Neuentwicklung ist
diese Variante um 25 bis 35 Prozent günstiger", sagt Bernhart. Entwickelt wurde
das Fahrzeug hauptsächlich in Frankreich, die Design-Abteilung wird jedoch im
rumänischen Pitesti aufgebaut. Auf diese Strategie setzen auch Renault, VW und
General Motors. Hersteller in den Entwicklungsländern können völlig neue
Konzepte entwickeln. Chinesische Hersteller etwa haben aus der Not, dem Mangel
an Fachkräften, eine Tugend gemacht: Sie beschränken sich auf das, was ihre
Zulieferer herstellen
können. Diese stärkere Abhängigkeit hat auch Vorteile: Die Kosten für
Neuentwicklungen tragen zu einem großen Teil die Zulieferer. Tatas Übernahme von
Jaguar und Landrover zeigt aber auch, dass Hersteller aus Entwicklungsländern
inzwischen groß genug sind, um etablierte Marken mit deren Knowhow einzukaufen.
Auch bei der Risikominderung unterscheiden sich die etablierten
Geschäftsmodelle von denen der Marktneulinge China und Indien. Beim Nano schloss
der indische Hersteller Tata beispielsweise langfristige Verträge über große
Mengen mit seinen Zulieferern ab. 75 Prozent der Teile liefert exklusiv ein
einziger Partner. Die Lieferanten bringen dafür ihr Knowhow ein und beteiligen
sich oft sogar finanziell – etwa in Form von Wagniskapital - an dem gemeinsamen
Projekt. Erfolgreiche lowcost-Strategien nutzen auch gezielt staatliche
Subventionen und errichten ihre Fertigungseinrichtungen in wirtschaftlich
schwachen Regionen, um ihre Investitionsrisiken zu senken. Tata wählte als
Standort für die Nano-Fertigung etwa
das schwach entwickelte Westbengalen.
Strategien für neue Märkte
Firmen, die ihre komplette Strategie kostenbewusst ausrichten und in
Entwicklungsländern produzieren, können ihre Kosten um 30 bis 40 Prozent senken.
Hersteller aus entwickelten Volkswirtschaften, die weiterhin in ihren
Heimatländern produzieren möchten, um etwa 20 bis 30 Prozent. "Alle Hersteller
weltweit fokussieren besonders darauf, Kosten durch Mengeneffekte zu senken und
die Zusammenarbeit mit externen Partnern zu optimieren", resümiert
Automobilstratege Bernhart. "Durch Low-Cost Cars entstehen neue Formen von
Kooperationen – Hersteller und Zulieferer bewegen sich auf einem immer
schmaleren Grat zwischen Kooperation und Wettbewerb." Die Hersteller aus den
traditionellen Automobilherstellerländern müssen ihre Produktionsstrukturen
dramatisch an die neue Konkurrenzsituation anpassen, um ihre Marktanteile halten
zu können. Die etablierten asiatischen Hersteller werden wohl nur zum Teil im
low-cost-Segment Fuß fassen, während andere sich auf die hochpreisigen Segmente
beschränken.
Die chinesischen Hersteller leiden vor allem unter Qualitätsproblemen und
fehlender Innovationsfähigkeit. Auch eine Aufwertung des Yuan könnte ihren
Aufstieg bremsen. Ein möglicher Weg wären Kooperationen mit etablierten
Herstellern wie General Motors. Die indischen Automobilproduzenten profitieren
von innovativen Strategien: Die Modelle Co-opetition und Architektur nach dem
open source-Prinzip könnten zur größten Herausforderung der globalen
Automobilindustrie werden. Mit dem Eintritt von Herstellern aus
Entwicklungsländern in den Automobilbau hat sich der gesamte Branche grundlegend
verändert. Das Segment Billigautos war wohl nur der Anfang.
Download der Studie:
hier
Quelle: Pressemitteilung der Roland Berger Strategy Consultants