Typisch deutsch - typisch türkisch
Den "typisch türkischen" Unternehmer
gibt es nach Ansicht der meisten Befragten zwar ebenso wenig wie den
"typisch deutschen", dennoch erkennen viele in Details klare
Mentalitätsunterschiede. So neigen türkischstämmige Unternehmer nach
Ansicht von 43 Prozent eher zu schnellen Entscheidungen, während
dies nur 10 Prozent von deutschen Unternehmern glauben. Fast vier
von zehn Befragten halten Türkischstämmige für besonders geschickt
beim Anbahnen neuer Geschäfte, nur 15 Prozent halten dies für eine
Stärke deutscher Unternehmer.
Die größten Unterschiede sehen die befragten
Unternehmer beim Qualitätsbewusstsein. Hier sehen 47 Prozent
deutsche Unternehmen in Front. Umgekehrt sind nur drei Prozent der
Ansicht, dass türkische Firmen eher auf Qualität achten. Nach
Ansicht der türkischstämmigen Unternehmer planen die deutschen
Betriebe auch weiter in die Zukunft (36 Prozent gegenüber 14
Prozent) und sind international gut aufgestellt (36 Prozent
gegenüber 13 Prozent).
Familie bietet Rückhalt
Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal
gegenüber deutschen Unternehmen ist aus Sicht der Befragten die
Rolle der Familie. So können sich türkische Unternehmer nach Ansicht
von 81 Prozent der Befragten eher als deutsche auf die Unterstützung
durch ihre Familie verlassen. Immerhin 16 Prozent haben ihr
Unternehmen auch mit Kapital von Familienmitgliedern finanziert.
"Doch ist das Bild vom typisch türkischen Unternehmen als reinem
Familienbetrieb ein Zerrbild: 44 Prozent der befragten Unternehmer
beschäftigen überhaupt keine Verwandten in ihrem Betrieb", betont
Winkeljohann. Kleinere Betriebe mit höchstens 15 Mitarbeitern haben
sogar in der Mehrzahl (55 Prozent) ausschließlich familienfremde
Beschäftigte.
Auch die verbreitete Vorstellung vom türkischen
Unternehmer als Firmenpatriarch, der den Betrieb auf Dauer in Händen
der Familie sehen will, ist ein Klischee. Fast die Hälfte (47
Prozent) der Befragten mit Kindern glaubt nicht, dass diese später
die Führung übernehmen oder auch nur im Unternehmen arbeiten werden.
Knapp 60 Prozent der Befragten halten die berufliche Zukunft ihres
Nachwuchses für "vollkommen offen".
Bildung hat Priorität
Den aus der Türkei stammenden
Unternehmern ist die große Bedeutung der Ausbildung für den
beruflichen Erfolg in Deutschland bewusst. Ihr wichtigstes
politisches Anliegen ist dementsprechend die Forderung nach höheren
staatlichen Bildungsausgaben. Gut neun von zehn Befragten stimmen
der Aussage zu, dass die Politik dringend mehr Geld für eine bessere
Bildung der Jugendlichen bereitstellen müsse.
Gleichzeitig spielen türkische Unternehmen eine
wichtige Rolle im System der dualen Ausbildung - 55 Prozent der
befragten Betriebe sind Ausbildungsbetriebe. Von den Unternehmen mit
mehr als 50 Mitarbeitern bilden sogar 68 Prozent aus. In 37 Prozent
der Betriebe sind die Auszubildenden überwiegend türkisch oder haben
türkische Eltern, 26 Prozent bilden hauptsächlich deutschstämmige
Jugendliche aus.
Von den befragten Unternehmern selbst haben 40
Prozent einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss, weitere 40 Prozent
haben einen Lehrberuf abgeschlossen, darunter sieben Prozent mit der
Meisterprüfung. Ein Fünftel der Unternehmer hat keinen beruflichen
Abschluss erreicht.
Heimat Deutschland
Obwohl drei von vier Befragten in der
Türkei geboren wurden und bei 95 Prozent mindestens ein Elternteil
türkisch ist, sind die Bindungen an die neue Heimat weitaus enger
als an die Türkei. Für 73 Prozent ist Deutschland Lebensmittelpunkt,
und 72 Prozent bezeichnen sich als "deutsche Unternehmer türkischer
Herkunft". Langfristig in Deutschland bleiben wollen 63 Prozent,
eine Aus- bzw. Rückwanderung in die Türkei planen demgegenüber 11
Prozent.
Trotz vieler positiver Aussagen offenbart die
Studie auch einige Defizite. Jeder dritte türkischstämmige
Unternehmer sieht sich in Deutschland benachteiligt, weitere 47
Prozent teilen diese Einschätzung zumindest in Teilbereichen. So
sind einige Befragte davon überzeugt, wegen ihrer Herkunft genauer
von Behörden kontrolliert zu werden, von Banken zögerlicher Kredite
zu bekommen und bei der Auftragsvergabe gegenüber 'deutschen'
Konkurrenten im Nachteil zu sein.
Zur Studie
An der Befragung im Dezember 2008
beteiligten sich 150 türkische bzw. in zweiter Generation in
Deutschland lebende Unternehmer. Die meisten (53 Prozent)
beschäftigen 10 bis 20 Mitarbeiter in Deutschland, 40 Prozent haben
21 bis 100 Angestellte, 7 Prozent zählen über 100 Beschäftigte.
Eine pdf-Version der kostenlosen Studie kann
hier bestellt werden.
Quelle: Pressemitteilung der
PricewaterhouseCoopers AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vom
19.01.2009