12 provokante Thesen für den Markterfolg
von Dr. Volker Halstenberg
1. Viele Unternehmen produzieren am
laufenden Band überflüssigen >Blödsinn<, anstatt innovative
Markenprodukte mit ICH-IDEALEN Unterscheidungs- und Nutzenvorteilen auf
den Markt zu bringen, die den Konsumenten faszinieren und zum Kauf
animieren.
Wahrlich wir leben in einer Zeit omnipräsenten Überflusses, und
Menschen, die in Überflussgesellschaften leben, betrachten vieles
zwangsläufig als überflüssig. Wem nützt es schon, wenn zur 33.
Tütensuppe, zum 44. Schokoriegel, zum 55. Knabbergebäck, zum 66.
Shampoo, zum 77. Deodorant, zur 88. TV-, Handy- oder Autovariante oder
zur abermilliardsten Website noch >was< dazukommt? Gut, wenn das Neue
qualitativ besser oder technologisch fortschrittlicher ist, mag es seine
Existenzberechtigung haben. Aber meistens ist das Neue aus Kundensicht
weder das eine noch das andere. Deswegen hängen Überfluss und
Überflüssiges so eng zusammen.
Konsumenten betrachten im Grunde all das als überflüssig, was sich nicht
unterscheidet, nicht sinnvoll abgrenzt von der Welt und anderen
Tütensuppen-, Schokoriegel-, Knabbergebäck-, Shampoo-, Deodorant-, TV-,
Handy-, Auto-, Web- oder was auch immer für Varianten.
2. Alles, was sich nicht unterscheidet, ist psycho-logisch gar
nicht existent.
Existenz wird durch die Operation der Unterscheidung erst erzeugt,
schreibt der renommierte Neurobiologe Humberto Maturana.
Die meisten Off- und Online-Brands machen keine oder zu wenig
Unterschiede. Qualitative Nivellierung, In-Differenz, Austauschbarkeit,
wohin das Auge schaut. Funktionale oder andere sinnreiche
Alleinstellungsmerkmale, die einen Unterschied machen könnten, sind zur
Rarität geworden. Folge ist eine schwindende Loyalität bei den
Verbrauchern, die im qualitativen Schlaraffenland das grenzenlose
Produkt-Hopping kultivieren.
3. Passend zum produktiven gesellt sich der werbliche
Einheitsbrei
Längst grassiert das Nivellierungssyndrom auch im Kommunikations- und
Informationsbereich. Wer sich zum Beispiel die kaum noch zählbaren,
nicht unbedingt reiz-, aber oft kaufanreizlosen
Unterscheidungslosigkeiten in der TV-Werbung antut, wird des
Einheitsbreis rasch überdrüssig und hält das Meiste für mehr oder
weniger überflüssig. Zapper heißt der Bruder von Hopper.
4. Alles Müll oder was?
Gemäß Untersuchungen des Instituts für Konsum- und Verhaltensforschung
der Universität Saarbrücken werden in der Bundesrepublik Deutschland
weniger als 2% der durch Massenmedien übermittelten Informationen
aufgenommen; 98% landen unbeachtet auf dem Müll. Für die Werbung
konstatierte Prof. Werner Kroeber-Riel bereits vor etlichen Jahren eine
Ausschuss-Quote von 95%. Kein Wunder bei all den
Unterscheidungslosigkeiten.
Werbung gehört längst zum allgegenwärtigen
Hintergrundrauschen unserer Lebenswelt.
Marken- und Markenwerbung, die sich nicht ostentativ von anderen Marken
und Markenwerbungen abheben, sind überflüssig, non-existent, rauschen
ins psychologische Nirgendwo, aber nicht ins relevant set des
Konsumenten.
5. Kanal-Inflation.
Anno 2007 erschienen allein in deutschen Landen 355 Tageszeitungen, 25
Wochenzeitungen, 7 Sonntagszeitungen, 2000 Publikumszeitschriften, 3400
Fachzeitschriften, 2000 Kundenzeitschriften und 1336 Anzeigenblätter.
Kaum weniger üppig sah und sieht es im auditiven und audiovisuellen
Sektor aus: Waren es 1984 noch 31, tönten 1994 bereits 206
Hörfunkveranstalter Interessantes und Redundantes via 36 Millionen
Radios in den Äther. Ähnlich viele TV-Geräte bombardierten uns über 18
bundesweite Kanäle mit 1.001.911 Werbespots (= 448.589 Werbeminuten =
311 Werbetage)
Das Fernseh-Werbejahr 2007 brachte es auf weit über 2 Millionen TV-Spots
oder 700 Werbetage, in den zig tausend Marken miteinander konkurrierten.
Ganz zu schweigen von den Abermillionen Werbefilmchen,
Flash-Animationen, In-Game-Advertisings und anderen digitalen
Behelligungen im Netz, auf Handys, Blackberrys u. a. Mobiles.
Battlefield conditions!
Kaum ein on- oder offliniger Ort, an dem einen nicht irgendeine
Werbeofferte anspringt. Selbst öffentliche Bedürfnisanstalten, einst
loci, wo in kontemplativer Initimität ausschließlich "Eigengeschäfte"
verrichtet wurden, haben Ambient-Spezialisten längst für die
kommerzielle Vermarktung entdeckt. Nächstens seuselt mir an besagten
Orten eine freundliche Stimme ins Ohr: "Einen schönen guten Tag! Sie
urinieren gerade in ein Keramikbecken der Firma >Rinnstein<. Viel Spaß
dabei und bepissen ('schuldigung) beehren Sie uns bald wieder."
Eine omnipotente Werbemaschinerie rotzt ihren Output ohne Rücksicht auf
Verluste in unser Sensorium, so dass einem oft Hören, Sehen und Anderes
vergeht. Ist doch des Menschen Bereitschaft und Fähigkeit zur
kognitiv-affektiven Informationsaufnahme und -verarbeitung höchst
begrenzt.
Wo i geh und steh, tut mir die Werbung weh. Weil sie zumeist an
meinen Echtzeitbedürfnissen vorbeischießt.
6. Digitaler Overkill und der >Tod< des 30-Sekünders
Durch die bis 2010 vollständige Umstellung der deutschen
Fernsehlandschaft von Analog- auf Digitaltechnik - sie ermöglicht eine
stark komprimierte Übertragung von Bildern - kommt es zur weiteren
Fragmentierung des ohnehin schon fragmentierten TV-Marktes. Hunderte von
Spartensendern mit relativ geringer Reichweite, aber dafür spitzer
Zielgruppe (Operations-, Golf-, Gourmet-, Wellness-, Bücher-, Pornokanal
etc. etc.) werden mit den etablierten Vollsortimentern um Zuschauer und
Werbegelder buhlen. Marktanteile werden neu verteilt. Der
Planungsaufwand, um die Kernzielgruppe einer Marke flächendeckend und
durchschlagend zu erreichen, nimmt zu. Klassische 30-Sekünder verlieren
an Bedeutung.
Multidimensional vernetzte 1:1-Aktionen via Sparten-TV, IP-TV, Mobiles,
Social Communities, Podcasts, SEO, SEM und Behavioral Targeting im
Verbund mit handfestem Erlebnis-Marketing in der Realwelt, die allesamt
passgenau auf das ICH-IDEAL und die Bedürfnisstruktur der Zielpersonen
zugeschnitten sind, versprechen den größten Erfolg.
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