Marketing 2.0 - Der Kunde als Mitgestalter
eines neuen Marketing
von Anne M. Schüller
Massenwerbung wird zunehmend zur Plage und Werbebotschaften
verpuffen wirkungslos. Wer heutzutage kaufen will, glaubt eher den
Botschaften seiner Freunde oder dem rein subjektiven Erfahrungsbericht
eines unbekannten Dritten als den aufwändigen Hochglanzbroschüren der
Anbieter am Markt. Unternehmen benehmen sich besser ordentlich und
behandeln ihre Kunden gut, denn in der Web 2.0-Welt kommt alles raus.
Wer patzt, wird von enttäuschten Verbrauchern gnadenlos an den
Online-Pranger gestellt. Wer hingegen für positiven Gesprächsstoff sorgt
und seine Kunden zu aktiven Mitgestaltern macht, ist fit für die neue
Marketingwelt.
Das Internet ist ein imposantes Ausdrucksmittel für
Verbrauchermacht. So informieren sich rund 80 Prozent aller
Reiselustigen inzwischen vor einer Buchung auf Bewertungsportalen im
Internet. Auch bei anderen Dienstleistern orientieren sich Interessenten
zunehmend an den dort platzierten Rankings und Kommentaren. Wo was am
billigsten ist, was man unbedingt haben muss, wovon man besser die
Finger lassen sollte, verbreitet sich im Netz wie ein Lauffeuer. Wer
etwas zu sagen hat, stellt dies ins Web. Die Community hört gerne hin -
und gibt die gefundenen Erkenntnisse bei Gefallen gleich weiter. Heute
bittet man seine Kunden nicht mehr um eine Empfehlungsadresse, sondern
um eine gute Bewertung im Internet.
Manche Anbieter haben die online geäußerten Meinungen
allerdings noch gar nicht auf dem Radar. So entgeht ihnen auch, dass
viele potenzielle Kunden bereits verloren sind, bevor es überhaupt zu
einem ersten Kontaktversuch kommt. Beispielsweise gehen nur dreißig
Prozent aller Hotelmanager regelmäßig auf die entsprechenden Portale, um
die jüngsten Bewertungen ihrer Häuser in Erfahrung zu bringen. Den
übrigen sei das einfach zu viel Arbeit. Dies ergab eine Branchenstudie
des Marktforschungsinstitutes CHD Expert GmbH.
Empfehler sind die besten Werber
Empfehlungen spielen bei Kaufentscheidungen eine immer wichtigere Rolle.
So sagen branchenübergreifend 42 Prozent aller Deutschen, dass
persönliche Ratschläge von Freunden und Kollegen einen großen oder sehr
großen Einfluss auf ihre Produktwahl ausüben. 37 Prozent der Befragten
vertrauen auf Testberichte im Internet. Der Einfluss anderer
Informations- und Werbeformen ist zum Teil deutlich geringer.
Prospektwerbung beeinflusst lediglich 17 Prozent, TV- und Radio-Spots
sogar nur elf Prozent der Konsumenten in ihrer Kaufentscheidung.
Dies ist ein Ergebnis der Online-Studie
,Opinion-Leader', die die defacto research & consulting GmbH in
Zusammenarbeit mit der Global Market Inside GmbH online-repräsentativ
durchgeführt hat. Der Studie zufolge fühlen sich Konsumenten durch
klassische Werbung auch zunehmend überfordert. Drei Viertel der
Befragten gaben an, durch die wachsende Informationsflut den Überblick
zu verlieren. 25 Prozent plädierten sogar für die generelle Abschaffung
von Werbung.
Schöne neue Werbewelt
"Die Revolution in der Werbung findet nicht in den Medien
statt, sondern auf der Straße", konstatiert der Werber Michael Hoinkes.
Und vor allem im Internet. Social Networks, Communities, RSS-Feeds,
Wikis, Postings und Votings in Foren und Blogs, online-basierte
Empfehlungssysteme, Linkstrukturen und all die anderen Applikationen,
die gerne unter dem Begriff Web 2.0 zusammengefasst werden, haben das
WWW zu einer wahren Spielwiese für alle möglichen Formen des
Empfehlungsmarketing gemacht.
Ob Autos, Ärzte oder Finanzberater – alles unterliegt
heute dem bisweilen unerbittlichen Urteil der Internet-User.
Branchenspezifische Bewertungsportale schießen wie Pilze aus dem Boden.
Über Empfehlungen via Web lässt sich bereits richtig Geld verdienen.
Und schon gibt es jede Menge Tools zum Opinion-Monitoring
von Mundpropaganda im Internet, die Konsumentenäußerungen zu Marken und
Consumer-Themen systematisch auswerten. Wer aktives Blog-Monitoring
betreibt, kann kostenlos und schnell eine Menge über neue
Kundenbedürfnisse, sich abzeichnende Trends, die eigene Position im
Markt und das Abschneiden der Mitbewerber erfahren.
So hat sich die gute alte Mundpropaganda in kürzester
Zeit modernisiert. Anglizismen wie Advocating, Viral Marketing,
Buzz-Marketing, Influencer-Marketing, Street-Marketing usw. machen das
Thema plötzlich ganz trendig. Und moderne Kommunikationstechnologien
machen es schnell. Mobile Life Blogging ermöglicht zum Beispiel
Berichterstattung via Handy in Echtzeit rund um den Globus. Ganz neu
sind Technologien, mit denen jeder Laie Bewegt-Bilder live ins Internet
schicken kann. Und die ganze Welt schaut zu, wie es einem als Kunde im
Handel, im Hotel oder sonstwo ergeht.
Das Ende der Lügenbarone
Das Vertrauen in Hersteller und Händler nimmt ab, das Vertrauen in die
eigenen Netzwerke wächst. Dabei helfen die Kunden den guten Unternehmen
und schaden den schlechten. Und das geht im Netz virusartig rasend
schnell. Wer unakzeptable Leistungen erbringt, wer verheimlicht,
verschleiert, lügt, betrügt und den Kunden über den Tisch ziehen will,
hat ein echtes Problem.
Untaugliche Produktdetails, unkorrekte
Geschäftspraktiken und inkompetente Ansprechpartner können sich die
Firmen immer weniger leisten. Denn dies wird – oft auf höchst subjektive
Weise -online vor der ganzen Welt offen gelegt. Und es ist so gut wie
nie mehr zu löschen. Denn das Internet hat ein Elefantengedächtnis.
Und selbst, wenn nicht jede Eintragung glaubwürdig
ist: Digitalen Vandalismus und zerstörerische Negativ-Kommentare, die
von missgünstigen Konkurrenten über Strohmänner eingestellt wurden,
schätzt der Online-Experte Torsten Schwarz auf maximal fünf Prozent.
Erkennbar sind solche ‚Trolle‘ (wie man sie im
Online-Jargon nennt) meist an der schlechten Ausdrucksweise oder an
jeglichem Fehlen konstruktiver Hinweise - und im Fall von Eigenlob an
der übermäßig werblichen Darstellung. Im Übrigen filtern gute
Bewertungsportale unakzeptable Kommentare sowie Schmähattacken und
Marketingprosa im Vorfeld schon aus.
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