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2010 – Jahr der Kundenloyalität
von Anne M. Schüller
Loyalität schlägt Kundenbindung
Die gute alte Kundenbindung ist ein Auslaufmodel. Klassische
Kundenbindungsstrategien funktionieren nicht mehr. Denn sie gehen vom
Unternehmen aus. Dabei wird Kundentreue zumeist an Bedingungen geknüpft, durch
Punkte, Prämien oder Rabatte erkauft, durch Fußangeln in Geschäftsbedingungen
erschlichen oder durch Wechselbarrieren erzwungen. Ergebnis: Der Kunde bleibt
nicht, weil er will, sondern vielmehr, weil er mehr oder weniger muss.
So zeigt sich die selbstzentrierte, managementbezogene und oft immer noch
arrogante Sicht der Unternehmen. Sie geht vom treudoofen Verbraucher aus, auf
dessen Kosten man sich Vorteile verschaffen und bereichern kann. Oder sie baut
auf die Unwissenheit und Trägheit der Kunden. Doch Kunden sind heute nicht mehr
ahnungslos und isoliert, sie sind vernetzt und bestens informiert.
Auch wenn es immer Menschen gibt, die in geschlossenen Systemen Sicherheit
finden, so gilt doch für die meisten: Kein Knebelvertrag, keine Wechselhürde,
kein noch so gut gemachtes Kundenbindungsprogramm kann Treue erzwingen. Und
Abwanderungen können damit auch nicht verhindert werden. Spätestens bei
Vertragsende wenden sich gebundene Konsumenten schnurstracks einem dann gerade
günstigeren Preis oder einer besseren Leistung zu. Und Computerprogramme helfen
ihnen, nur ja keinen Kündigungstermin zu verpassen.
Loyalität ist freiwillige Treue
Kundenloyalität ist keine vor- oder nachgelagerte Stufe der Kundenbindung. Und
beides ist auch nicht identisch. Loyalität ist sehr viel wertvoller. Denn
Loyalität ist freiwillige Treue. Sie entsteht durch Anziehungskraft und nicht
durch Druck oder Zwang. Sie kann niemals eingefordert werden, man bekommt sie
vielmehr aus Überzeugung geschenkt. Loyalität geht also vom Kunden aus. Er
könnte jederzeit wechseln, will aber nicht. Die Basis dafür? Problemlösungen und
gute Gefühle. Problemlösungen sind dabei das Pflichtprogramm. Das Erzeugen guter
Gefühle ist die Kür.
Jede funktionierende Kundenbeziehung hat immer auch mit dem Erzeugen guter
Gefühle zu tun: mit Achtsamkeit, Zuwendung, Verlässlichkeit, Sicherheit,
Flexibilität, Wertschätzung und Respekt. Letztlich zahlen die Menschen für einen
Zuwachs auf ihrem Glückskonto, nämlich für die Erfüllung von Hoffnungen,
Wünschen und Träumen. Im Consumer-Bereich geht es hierbei vor allem um
Lebensqualität. Und im Business um sichtbaren Erfolg.
Emotionalität ist, auch wenn das auf den ersten Blick ein wenig alchimistisch
klingt, die sicherste Möglichkeit, Kunden auf Dauer zu halten. Loyalität ist
immer emotionsbehaftet. Sie benötigt - wie auch das in ihr liegende Vertrauen -
Zeit zum Wachsen. Und sie ist in Sekunden zerstört.
Die neue Loyalität
Aber passt Loyalität überhaupt noch in unsere schnelllebige Zeit? Na klar! Der
beeindruckende Erfolg der Social Networks ist der beste Beweis dafür. Gerade die
junge Generation, in der es so viele Schlüsselkinder gibt, ist unglaublich
verbundenheitssüchtig. Denn Menschen sind soziale Wesen. Alles dreht sich bei
uns um das Leben in der Gemeinschaft. Isolation gehört zu unseren schlimmsten
Ängsten. Allein in der Wüste – der sichere Tod.
Die Sippen und Stammesverbände von früher, die Kommunen der 68er, die
Online-Communities von heute, ja selbst die Science-Fiction-Föderationen der
Star-Wars-Welten – alle folgen dem gleichen Prinzip: Menschen fühlen sich gut,
wenn sie mit anderen verbunden sind. „Nichts braucht der Mensch so sehr, wie den
Menschen“, haben schon die alten Griechen gesagt. Übersetzt mit dem Slogan
‚Connecting people’ machte dies Nokia zu einer der global am meisten geschätzten
Marken mit einem Weltmarktanteil von 40 Prozent.
Loyalität ist Zugehörigkeit
Als wertvolles und geachtetes Mitglied einer Gruppe zu gelten: Das gibt uns
Sicherheit und Geborgenheit. Unsere Hirne sind vor allem dafür gemacht, das
Zusammenleben in einer Gruppe zu meistern. Und Loyalität ist ein sichtbarer
Ausdruck dafür. „Die grundsätzliche Aufgabe des Gehirns besteht darin, nicht nur
das Überleben des einzelnen Menschen zu sichern, sondern auch das der Gruppe, zu
der er gehört“, sagt Christian E. Elger in seinem Buch ‚Neuroleadership‘.
In diesem Satz sind praktisch schon alle Zutaten beisammen, die es braucht, um
Loyalität zu erzeugen: Zugehörigkeit erleben, füreinander einstehen, gemeinsam
erfolgreich sein. Alle dauerhaft funktionierenden Zusammenschlüsse – und somit
auch Unternehmen - tragen immer Loyalität in sich. Wir sind lieber eingebettet
in eine achtbare Gemeinschaft, als ständig ‚auf der Flucht'.
So ist es die vielleicht größte Herausforderung im Loyalitätsmanagement, zu
verstehen, wie Gemeinschaften funktionieren. Denn dann verstehen wir auch
Loyalität. Wer Mitglied einer Gruppe ist, unterwirft sich den geschriebenen und
ungeschriebenen Spielregeln wie auch den sozialen Normen, die für diese Gruppe
gelten. Solche Regeln klingen in etwa so: ‚Hilf denen deiner Gruppe! Steh für
sie ein! Sei stolz auf sie! Sprich gut über sie! Sei loyal!‘
Loyalität ist Zusammenhalt
Wer loyal ist, steht für eine Sache ein. Der Psychologe Gerd Gigerenzer fasst
dies wie folgt zusammen: “Identifiziere dich mit einer symbolischen Gruppe,
kooperiere und verteidige ihre Mitglieder.“ Nach außen grenzt man sich gegenüber
anderen Kohorten ab, was schnell auch mal zu Feindseligkeiten führen kann. Bei
Fußballspielen sind solche Prozesse gut zu beobachten. Aber nicht nur dort. Auch
Unternehmen pflegen Feindbilder.
Und sie kennen eine ganze Reihe von Zeichen der Zugehörigkeit. Sie haben sich -
in Form von Leitbildern - offizielle Spielregeln gegeben. Und jeder Neue kann
glücklich sein, wenn er möglichst schnell in die unausgesprochenen Spielregeln
eingeweiht wird, die noch viel wichtiger sind. Mögen außerhalb der Gruppe
Feindbilder Sinn machen, innerhalb einer Organisation sind sie lebensgefährlich.
Und wenn der Kunde zum Feindbild wird, dann ist das tödlich. Gemeinschaften, in
denen es Austausch, Integration und Vermischung gibt, prosperieren.
Das ‚wir‘ gewinnt
Unternehmen sollten also ihren Kunden in realen und auch virtuellen Communities
eine Heimat geben. Gerade in schwierigen Zeiten rücken die Menschen enger
zusammen und suchen Beistand bei anderen. Bürgerinitiativen und
Selbsthilfegruppen entstehen. Die Solidarität wächst. Im Business stärkt man
sich durch Zusammenschlüsse: Netzwerke, Einkaufsorganisationen,
Marketing-Kooperationen und Franchise-Systeme boomen. Konsumenten bilden
Interessen-Gruppierungen und setzen die Anbieter so unter Verhandlungsdruck.
Online-gesteuerte Verbraucherboykotte sind inzwischen ein Massenphänomen.
„Gemeinschaftswerte stehen wieder hoch im Kurs und nehmen entscheidenden
Einfluss auf Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensstile“, meint der Kelkheimer
Zukunftsforscher Eike Wenzel. „Nach Jahren der Abgrenzung von anderen und des
kompromisslosen Strebens nach individueller Selbstverwirklichung wächst heute
das Bedürfnis nach Gemeinschaft“, sagt Kerstin Ullrich in der GIM Studie Delphi
2017. Weitere Unterstützung bekommt diese These durch Eric Greenberg‘s Kultbuch
‘Generation We’. Und nicht nur Barack Obama (‚Yes, we can!‘) hat das verstanden.
Auch in der Werbung zeichnet sich die Tendenz zu einem neuen Wir-Gefühl ab, wie
eine Untersuchung des Hamburger Trendbüros in Zusammenarbeit mit Slogans.de
ergab. Neben einer gestiegenen Nutzung des Wortes ‚gemeinsam‘ zählte das
englische Wort ‚we‘ in 2009 erstmals zu den Top 15 der meistverwendeten Begriffe
in Werbeslogans. Dies drücke, so die Initiatoren, auch eine Forderung nach mehr
Partizipation und Kooperation aus. Dem ‚Wir‘ gehört die Zukunft. Und in jedem
‚Wir‘ steckt eine Menge Loyalität.
Die
Autorin:
Anne M. Schüller Management-Consultant und gilt als führende Expertin für
Loyalitätsmarketing. Sie hält Vorträge, Seminare und Workshops zum
Thema. Sie gehört zum Kreis der ‚Excellent-Speakers‘.
Kontakt:
www.anneschueller.de oder
www.loyalitaetsmarketing.com
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