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von Martina Schwarz-Geschka
1. Zum Verständnis von Szenarien Die Zukunft ist unsicher. Konkrete quantitative Prognosen treffen meistens nicht exakt ein. Das wissen wir aus Erfahrung. Trotzdem sollten wir uns mit der Zukunft auseinandersetzen: Trends zeichnen sich ab; Annahmen über Zukunftssituationen mit plausibler Begründung lassen sich aufstellen; Wirkungszusammenhänge können vorausgedacht werden. So lassen sich schemenhaft Zukunftsbilder aufbauen. Die Fahrt in die Zukunft ist dann nicht mehr ein Blindflug, sondern verläuft ausgerichtet und überraschungsfreier.
Die Szenariotechnik ist ein Instrument der Zukunftsanalyse; Szenarien werden systematisch aus der gegenwärtigen Situation heraus entwickelt; es sind plausible und begründbare Zukunftsbilder (Geschka 1992). Unter einem Szenario versteht man sowohl die Beschreibung einer möglichen zukünftigen Situation als auch des Pfades, der zu dieser zukünftigen Situation hinführt. Es ist nicht nur ein plausibler Weg in die Zukunft vorstellbar, sondern mehrere Wege sind denkbar und können begründet werden. Somit sind alternative Pfade in die Zukunft und damit auch alternative Zukunftsbilder zu betrachten (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Denkmodell für Szenarien
2. Die Schritte der Szenariotechnik Die Szenariotechnik nach Geschka geht in acht Schritten vor (vgl. Abb. 2).
Abb. 2: Die Schritte der Szenariotechnik
1. Schritt: Strukturieren und Definieren des Themas Als erstes muss das Thema abgegrenzt werden. Strukturmerkmale, Kenngrößen und aktuelle Probleme sind zu ermitteln. Der gegenwärtige Zustand des Themenfelds wird beschrieben.
2. Schritt: Identifizieren und Strukturieren der wichtigsten Einflussfaktoren und Einflussbereiche auf das Thema Alle exogenen Einflussfaktoren auf das Thema werden gesammelt, sortiert und zu Bündeln zusammengefasst. Die strukturierten Einflussfaktoren werden hinsichtlich ihrer Wirkungsintensität bewertet.
3. Schritt: Formulieren von Deskriptoren und Aufstellen von Projektionen und Annahmen Aus den ermittelten Einflussfaktoren werden quantitative oder beschreibende Kenngrößen (Deskriptoren) formuliert, die das Thema möglichst vollständig abdecken. Die Deskriptoren sollen alle wichtigen Einflussfaktoren abdecken. (Die Zahl der Deskriptoren liegt bei komplexen Themen zwischen 30 und 60.) Durch die Deskriptoren sind sowohl quantifizierbare Trends als auch qualitative Entwicklungen zu erfassen. Der größte Teil der Einflussfaktoren ist qualitativer Art; sie können problemlos bearbeitet werden. Für alle Deskriptoren ist der Ist-Zustand zu kennzeichnen. Darauf aufbauend werden Projektionen für das Szenario-Zieljahr aufgestellt. Dabei sollte auf bekannte Prognosen und auf Expertenwissen zurückgegriffen werden. Für viele Deskriptoren werden sich klare, eindeutige Trends abzeichnen. Für andere Deskriptoren wird sich allerdings herausstellen, dass unterschiedliche Entwicklungen eintreten könnten. In diesem Falle sollte kein Kompromiss gesucht werden, sondern die möglichen Entwicklungsverläufe sind als alternative Annahmen festzuschreiben. Sowohl für die eindeutigen Projektionen als auch für die alternativen Annahmen sind fundierte, plausible Begründungen anzugeben.
4. Schritt: Bilden und Auswählen alternativer konsistenter Annahmenkombinationen In diesem Arbeitsschritt werden die verschiedenen alternativen Annahmen zu in sich stimmigen Bündeln zusammengefügt. Dazu wird ein Rechenalgorithmus eingesetzt. Das Softwareprogramm INKA 3 geht von einer Matrix aus, in der die Ausprägungen aller Alternativ-Deskriptoren einander gegenübergestellt werden. Es wird abgeschätzt, welche Ausprägungen sich gegenseitig verstärken, welche neutral und welche widersprüchlich zueinander sind. INKA 3 stellt daraus mehrere konsistente Annahmenbündel zusammen. Aus allen möglichen Bündeln werden zwei bis drei Sätze nach den Kriterien „hohe Konsistenz“ und „hohe Unterschiedlichkeit“ ausgewählt. Sie bilden das Gerüst für die im nächsten Schritt auszuformulierenden Szenarien.
5. Schritt: Entwickeln und Interpretieren der ausgewählten Umfeldszenarien Die in Schritt 4 ausgewählten Annahmenbündel sind das Grundgerüst für die zu beschreibenden Umfeldszenarien. Hierbei soll sowohl die Situation im Szenario-Zieljahr als auch die Entwicklung aus der Gegenwart heraus in Richtung auf die gebildeten Zukunftskonstellationen hin beschrieben werden. Es empfiehlt sich, für den gedanklichen Sprung in die Zukunft nicht zu weit zu greifen und die Beschreibung des Entwicklungsverlaufes in Zwischenschritten – z.B. in Fünfjahresschritten – vorzunehmen. Zu jedem Zwischenzeitpunkt wird ein inhaltlicher Abgleich vorgenommen und im nächsten Zeitabschnitt werden Reaktionen auf Entwicklungen in der vorangehenden Periode verfolgt. So entsteht ein vernetzter Entwicklungsablauf, der sich von der Gegenwart bis zum Szenario-Zieljahr erstreckt.
6. Schritt: Einführen und Analysieren der Auswirkungen signifikanter Trendbruchereignisse Ein Trendbruchereignis tritt plötzlich ein; es ist vorher als Trend nicht erkennbar. Trendbrüche lenken Entwicklungsverläufe in eine andere Richtung. Bei den betrachteten Ereignissen kann es sich um Katastrophen, wie Erdbeben, Reaktorunfälle, große Explosionen, Tankerunfälle oder terroristische Anschläge, handeln; es kommen aber auch politische Ereignisse oder technologische Durchbrüche in Frage. Im Rahmen des Szenarioprozesses werden immer wieder Entwicklungen diskutiert, die aber aufgrund einer sehr geringen Eintrittswahrscheinlichkeit verworfen werden. Sie werden üblicherweise in einem Themenspeicher gesammelt und im Rahmen des Arbeitsschrittes 6 durch weitere für das Thema vorstellbare oder bereits in der Literatur behandelte Trendbruchereignisse ergänzt.
7. Schritt: Ableiten von Konsequenzen und Empfehlungen für die Aufgabenstellung Die Zukunftsbilder für das Themenfeld werden aus den Umfeldszenarien abgeleitet; sie werden interpretiert und anschaulich dargestellt. Daraus werden dann Vorschläge für Maßnahmen abgeleitet.
8. Schritt: Konzipieren von Maßnahmen und Planungen Dieser Schritt gehört im engeren Sinne nicht mehr zur Szenariotechnik. Es hat sich jedoch bewährt, die Umsetzung im gleichen Team, das die Szenarien erarbeitet hat, anzudenken. Zunächst werden Konsequenzen abgeleitet und daraus dann strategische Leitlinien und konkrete Maßnahmen entwickelt.
3. Das Erarbeiten von Szenarien Unternehmen bevorzugen die Szenarioerstellung in Gruppenarbeit (Workshopkonzept). Dabei wechseln sich Gruppenarbeitsphasen und vor- und nachbereitende Phasen in einem kleinen Arbeitsteam ab. Die Szenariogruppe sollte fachlich heterogen, jedoch aus Mitarbeitern mit Vorkenntnissen und Beziehung zum Thema zusammengesetzt werden (Unternehmensentwicklung, Marketing, Forschung und Entwicklung etc.). Linienmanager aus dem höheren Management sollten nicht fehlen, wobei auch eine phasenweise Einbindung in den Erstellungsprozess möglich ist. Das zur Szenarioerstellung benötigte Wissen wird hierbei im Wesentlichen durch die bearbeitende Gruppe selbst eingebracht. Mit geeigneten Gruppenarbeitsmethoden wird die Gruppe durch den Prozess der Szenarioerstellung geführt. Für bestimmte Schritte können unternehmensexterne Experten hinzugezogen werden.
Die Autorin
Ausführliche Informationen zum Seminar
Literaturtipps
Oktober 2006
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