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Frank Moritz, ExperTeam
AG, Köln; Uwe Kuhlmann, swest GmbH, Düsseldorf
Viele Unternehmen überlegen
derzeit, wie sie angemessen auf die veränderten gesetzlichen
Rahmenbedingungen zum Risikomanagement reagieren können. Die swest GmbH,
das gemeinsame Rechenzentrum der WestLB und der Sparkassen- und Giroverbände
Rheinland und Rheinland-Pfalz, hat sich entschlossen, das vom
Wirtschaftsprüfer geforderte Risikomanagement-System nicht auf das
gesetzlich notwendige Minimum zu beschränken, sondern als neues Werkzeug
zur Unternehmenssteuerung auszubauen.
Hacker dringen in ein Rechenzentrum an,
ein Systemabsturz legt das Geschäft einer Bank lahm, die gesamte
Concorde-Flotte muss für ein Jahr aus dem Verkehr gezogen werden, die
Barings-Bank wird durch die kriminellen Machenschaften eines einzigen
Mitarbeiters ruiniert: Die Medien berichten immer wieder über Ereignisse
unterschiedlichster Art, die Unternehmen erheblich schädigen oder sogar
vernichten können. Die Beispiele haben gemeinsam, dass diese Gefahren
vorher vielen einzelnen Mitarbeitern bekannt waren, doch die
Unternehmensleitung wusste nichts davon oder ignorierte das Problem
einfach.
Risiken sind für ein Unternehmen jedoch
immer Chance und Gefahr zugleich - wer keinerlei Risiko eingeht, macht
auch kein Geschäft. Den richtigen Umgang mit bestehenden Risiken zu
finden wird für Unternehmen zur wichtigen Zukunftsaufgabe.
Eine vorausschauende Risikopolitik kann
Unternehmen vor vielen Risiken bewahren und auf den Notfall vorbereiten.
Das schützt nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch seine Aktionäre,
Mitarbeiter und Kunden. Auch der Gesetzgeber hat reagiert: Das 1998
verabschiedete "Gesetz zur Kontrolle und Transparenz in
Unternehmen" (KonTraG) fordert, bestehende Risiken aufzuzeigen und
der Unternehmensleitung sowie den Anteilseignern transparent zu machen. In
eine ähnliche Richtung wird die "Eigenkapitalhinterlegungsrichtlinie
Basel II" gehen, nach der Finanzdienstleister künftig die zu
hinterlegenden Eigenmittel reduzieren können, wenn beispielsweise ein
entsprechendes Risikomanagement nachgewiesen wird. Die genauen Inhalte
dieser Richtlinie werden allerdings derzeit noch ausgehandelt.
Während früher vor allem Finanzrisiken
im Visier des Risikomanagements standen, treten jetzt zunehmend die
operativen Risiken in den Vordergrund, also diejenigen Risiken, die sich
aus Geschäftsprozessen, Menschen, Systemen (und deren Zusammenspiel) oder
externen Ereignissen ergeben. Dazu gehören beispielsweise fehlende
Prozessbeschreibungen, "Wissensmonopole", das Einspielen nicht
ausreichend getesteter IT-Systeme oder auch ein Seuchenalarm im
benachbarten Krankenhaus.
Vor diesem Hintergrund wurde jetzt bei
der swest GmbH mit Unterstützung des IT-Dienstleisters ExperTeam AG ein
Risikomanagement eingeführt. In der Verantwortung der swest GmbH liegt
die gesamte IT-Produktion der WestLB und der Sparkassen im Rheinland und
in Rheinland-Pfalz, also ein wesentlicher Teil ihrer Kernprozesse.
Einführung des
Risikomanagements
Ein Unternehmen, das Risikomanagement
einführen möchte, muss sich zu Beginn mit der Frage auseinander setzen,
welche Ziele es damit verfolgen will. Sollen nur die gesetzlichen
Mindestanforderungen erfüllt werden? Damit würde man aber wichtige
Ergebnisse des Projektes praktisch ungenutzt verschenken. Die swest GmbH
entschied sich dafür, die einmal erhobenen Daten zu einem umfassenden
Unternehmenssteuerungswerkzeug auszubauen, das verschiedenartige Probleme
des Unternehmens an der Basis erfasst, strukturiert, bewertet und die
Risikominimierung steuert.
Die Einführung eines Risikomanagements
ist ein einmaliges, individuell an das Unternehmen anzupassendes Projekt
mit unternehmensweitem Charakter. Daher sollten folgende Rahmenbedingungen
erfüllt sein:
- Die Beauftragung muss direkt durch die
Geschäftsführung erfolgen.
- Auch die Berichtspflicht richtet sich
direkt an die Geschäftsführung.
- Die Risikopolitik des Unternehmens
sollte in einer frühen Projektphase formuliert werden.
- Es gibt einen Projektleiter für die
Einführung. Er muss nicht unbedingt mit dem späteren Risikomanager
identisch sein, der im Anschluss an das Projekt die Aufgaben in der
Linie übernimmt.
- Der künftige Risikomanager sollte so
früh wie möglich in das Projekt eingebunden sein.
- Für die Einführung des
Risikomanagements wird ein Budget veranschlagt. Weiterhin müssen
schwerwiegende Risiken, die im Laufe des Projektes erkannt werden,
sofort durch vorgezogene Umsetzungsprojekte behandelt werden.
- Die Projektleiter der gestarteten
Umsetzungsprojekte sollten dem Gesamtprojektleiter "Einführung
Risikomanagement" gegenüber berichtspflichtig sein. Dieser
wiederum unterstützt die Teilprojektleiter bei der Durchführung.
Im swest-Projekt hat sich darüber hinaus
ein Vorgehen in vier Phasen bewährt (Abb. 1)

Abb. 1: Phasenmodell der
Einführung
Die Informationsflut
beherrschen
Bei der ersten Risikoerhebung in der
swest GmbH wurde unterschieden zwischen abteilungs- und teaminternen
Risiken, abteilungs- und teamübergreifenden Risiken,
Schnittstellenrisiken (EDV, Geschäftsprozesse) und Managementrisiken. Je
nach Zielsetzung wurden diese Informationen in moderierten Workshops nur
mit Führungskräften oder mit den Mitarbeitern an der Basis erhoben und
diskutiert. Dadurch wurde gleichzeitig eine Sensibilisierung für das
Thema und eine Identifikation mit dem Projekt erreicht.
Anschließend wurden die Risiken bewertet
und zusammengeführt. Überraschend und positiv für das Projekt war die
große Akzeptanz und Mitarbeit in allen Unternehmensbereichen. Die
Mitarbeiter erkannten das Risikomanagement als Eskalationsinstanz für
noch nicht behandelte Risiken an. Das Problem: Theoretisch gibt es eine unübersehbare
Vielfalt möglicher Risiken und denkbarer Auswirkungen. Auch die
Mitarbeiter und Führungskräfte der swest GmbH führten zu Beginn des
Projekts eine Vielzahl scheinbar unlösbarer Risiken auf, die zunächst
einmal kanalisiert und auf irgendeine Weise handhabbar gemacht werden
mussten.
Die gängige Literatur zum Thema bietet
dafür leider noch keine griffigen Lösungen. Im Projekt der swest GmbH
hat es sich bewährt, bei der Risikoklassifizierung zwischen Risikoereignissen
und Folgerisiken unterschieden. Risikoereignisse sind
demnach mögliche Risiken für das Unternehmen, die im weiteren Verlauf Folgerisiken
mit negativen Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette nach sich ziehen können
(Abb. 2): Das Risikoereignis "Flugzeugabsturz in der Nähe des
Unternehmens" etwa kann zu einer teilweisen Zerstörung des Gebäudes
führen; als Folgerisiken wären beispielsweise Personalausfälle oder der
Ausfall eines oder mehrerer IT-Systeme denkbar. Umgekehrt könnte das
Folgerisiko "Ausfall eines oder mehrerer IT-Systeme" durch den
genannten Flugzeugabsturz, aber auch durch einen Hackerangriff oder einen
Stromausfall ausgelöst werden.

Abb. 2: Risikoereignisse
und Folgerisiken
Der entscheidende Vorteil dieser
Klassifizierung: Es ist nicht wesentlich, welches Risikoereignis ein
Folgerisiko hervorruft, denn die erforderlichen Notfallmaßnahmen sind oft
die gleichen. Es mussten also nicht sämtliche möglichen
Risikoereignisse, sondern nur die denkbaren Folgerisiken betrachtet
werden. Dadurch ließ sich die Anzahl der zu behandelnden Risiken
erheblich reduzieren.
Alle bewerteten Risiken wurden in einem
Risikohandbuch zusammengeführt, das auch zur Initiierung erster
Umsetzungsprojekte (z. B. Entwicklung von Notfallplänen,
Qualifizierungspläne für Mitarbeiter) genutzt wurde. Dazu war natürlich
zunächst eine Priorisierung erforderlich, zu der zwischen wesentlichen
Risiken - aktuell und bestandsgefährdend - und weniger wesentlichen
Risiken unterschieden wurde (Abb. 3). Für alle Risiken wurden jeweils
verantwortliche "Risk-Owner" definiert, die die Risiken
entsprechend bewerten mussten und in Zukunft weiter beobachten müssen.

Abb. 3:
Wesentlichkeitsgrenze für erhobene Risiken
Die Aufgaben des
Risk-Managers
Mit dem Aufbau eines Risikohandbuchs ist
allerdings nur der erste Schritt getan. Risiken verändern sich im Laufe
der Zeit, neue Risiken kommen hinzu, bekannte treten in den Hintergrund.
Aus der Risikobetrachtung muss also ein ständiger Prozess werden. Dazu
wurde bei der swest GmbH ein Risk-Manager eingesetzt, der die Berichte der
Risk-Owner zusammenführt und diese bei der Risikobewältigung unterstützt.
Er berichtet direkt an die Unternehmensleitung.
Je nach Risikopolitik eines Unternehmens
übernimmt ein Risk-Manager unterschiedliche Aufgaben. Beschränkt sich
die Risikopolitik auf die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen, so
fungiert der Risk-Manager vor allem als Ansprechpartner der
Unternehmensleitung, Multiprojektleiter und Lenker der Risk-Owner. Soll
das Risikomanagement gleichzeitig als Unternehmenssteuerungswerkzeug
dienen, so übernimmt der Risk-Manager zusätzliche Aufgaben in der
aktiven Risikosteuerung, der Mitarbeitermotivation etc. Eine solche
Stabsstelle sollte, je nach Ausprägung, als eigener Bereich oder im
Quality-Management eingerichtet werden. Aus Sicht der swest GmbH hat es
sich gelohnt, das Risikomanagement über die gesetzlichen Anforderungen
hinaus zu einem Unternehmenssteuerungswerkzeug weiterzuentwickeln. Nach
einer umfassenden Betrachtung aller Risikofelder der Organisation, über sämtliche
Querschnittsfunktionen und Prozesse hinweg, ist der Einstieg in eine
kontinuierliche Risikobetrachtung des Unternehmens gelungen: Dank der an
verschiedenen Stellen verankerten Verantwortung und der erreichten
Sensibilisierung dürften neu aufkommende Risiken schnell als solche
identifiziert werden und geeignete Gegenmaßnahmen zeitnah eingeleitet
werden.
Dieser
Beitrag wurde in Risk
News 03/2002 veröffentlicht. Publikation auf der themanagement.de-Website
mit freundlicher Genehmigung der ExperTeam AG und swest GmbH.
Weitere Informationen und
Kontakt:
Frank Moritz
ExperTeam AG
Claudius-Dornier-Straße 1
50829 Köln
Telefon: 0221 9151-410
Telefax: 0221 9151-421
E-Mail: VL@ExperTeam.de
Uwe Kuhlmann
swest GmbH
Sparkassen-Informatik-Services West GmbH
Risk-Management
Department: 731-24000 / Sonderprojekte
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Notes-Mail: Uwe Kuhlmann/Intern/SWest/DE@SWest
Email: Uwe.Kuhlmann@swest.de
Web: http://www.swest.de
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